Martin Neumaier

"Schöpfung. Tränen.“

Eröffnung / Opening: Fr., 06.11.2015 ab 19 Uhr.

PDF download Komplette Ausstellung mit Raumansichten, Werken & Text /
Complete exhibition with works and text.

Ein erster Werküberblick zu dieser Schaffensphase erscheint im Dezember 2015 im Hatje Cantz Verlag:
Martin Neumaier, hrsg. von Oliver Zybok, mit Texten von Marcus Andrew Hurttig und Oliver Zybok
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A first overview of this period in the artist’s work is being published in December 2015 by Hatje Cantz Verlag: Martin Neumaier, ed. by Oliver Zybok with articles by Marcus Andrew Hurttig, Dieter Witasik and Oliver Zybok

Die Einzelausstellung Schöpfung. Tränen. ist die bislang dritte Werkpräsentation des Künstlers Martin Neumaier, geb. 1970, in der Galerie Kai Erdmann. In Fortführung der ersten beiden Ausstellungen Immer (2011) sowie fremd und stumm (2013) werden auch diesmal die Themen Kolonialismus und Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts im Medium der Collage verhandelt. Für diese künstlerische Auseinandersetzung, die bis etwa in das Jahr 2010 zurückreicht, bildeten zunächst Farbfotografien aus Afrika von Leni Riefenstahl das Trägermaterial für die Collagen. Das künstlerische Spektrum wurde dann um Stahlstiche mit Darstellungen der Ureinwohner Afrikas, Australiens oder Polynesiens erweitert, die aus Völkerkundebüchern des 19. Jahrhunderts stammen.

Dieses ehemals zu didaktischen und wissenschaftlichen Zwecken hergestellte Anschauungsmaterial nutzt Neumaier als eine historisch aufgeladene Hintergrundfläche, auf die geometrische Grundformen und Liniensysteme gelegt werden, die wiederum unweigerlich an die konstruktivistischen und abstrakten Tendenzen der Klassischen Moderne erinnern. Seit Neumaiers mehrwöchigen Aufenthalt in Papua-Neuguinea im Herbst 2011 – der Nordosten der Insel, wo sich der Künstler zusammen mit seinem Kollegen Hendrik Zimmer aufhielt, war bis 1914 Kolonie des deutschen Kaiserreiches – können seine Collagen rötliche Speichelspuren aufweisen. Verursacht wird diese blutrote Färbung der Spucke durch die Betelnuss, die als traditionelles Genuss- und Rauschmittel sich seit Jahrhunderten einer großen Beliebtheit bei der einheimischen Bevölkerung erfreut und als Betäubungsmittel massenhaft konsumiert wird. Entsprechend sind die »blutigen« Spuckspuren auf den Bürgersteigen und an den Häuserfassaden allgegenwärtig sichtbar.

Diese und andere Collagen sowie Ölbilder werden in der aktuellen Ausstellung Schöpfung. Tränen. mittels eines skulpturalen Arrangements gezeigt, das den Galerieraum wie ein Labyrinth durchzieht. Es sind gewöhnliche Sockel, mal liegend, mal aufrecht stehend, die einerseits als Anlehnfläche für die Collagen dienen und andererseits Präsentationsfläche für Lampen oder Glühbirnen bieten. Auch werden historische Ausgaben von Büchern Ernst Jüngers ausgestellt, auf denen wächterartig ausgestopfte Kleinvögel stehen. Auf die Frage, warum dieser bei den Franzosen so beliebte Schriftsteller, Insektenkundler und Träger des Pour le Mérites sowie des Großen Bundesverdienstkreuzes in das Blickfeld Neumaiers geraten ist, kann nur mit Mutmaßungen geantwortet werden.

Vielleicht sind es die Klischees, die Jünger anhaften: sein Kriegsfanatismus im I. Weltkrieg, der dandyeske Lebensentwurf als preußischer Offizier und Schriftsteller sowie die so merkwürdig erscheinende wissenschaftliche Hingabe zur Erforschung der Käferwelt. Gerade die Überschneidung von Militarismus und Wissenschaft in der Person Jüngers korrespondiert mit Neumaiers Bilderwelten. Waren es doch zunächst die Botaniker, Geologen, Anthropologen und Ethnologen, die die Ureinwohner und die Flora und Fauna der unbekannten Inseln Ozeaniens und Landstriche Afrikas erforschten und Brockhaus-tauglich kategorisierten und klassifizierten. Die militärischen Annexionen teils aus wirtschaftlichen, teils aus geostrategischen Gesichtspunkten erfolgten im Anschluss. Nicht unberücksichtigt sollten in diesem Zusammenhang die Vögel bleiben, die dank ihrer einzigartigen Fähigkeit fliegen und sich somit der Schwerkraft entziehen zu können, traditionell als Sinnbild für das Immaterielle, Geistige des Menschen gedeutet werden. Doch hier treten die Vögel widersprüchlich als Buchbeschwerer auf, die scheinbar die niedergeschriebenen geistigen Inhalte Jüngers unter Verschluss halten.

Die Ausstellung Schöpfung. Tränen. bietet einen Einblick in den Bilderkosmos Neumaiers, der sich als ein komplexes Konfigurationssystem präsentiert, bestehend aus kleinformatigen Collagen, Andeutungen von Assemblagen, die sich einander bedingen und als ein fragiles, jederzeit auseinanderfallendes Gesamtwerk existieren.

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The solo exhibition Schöpfung. Tränen. (‘Creation. Tears.’) is the third show of works by the artist Martin Neumaier, b. 1970, at the Galerie Kai Erdmann. Continuing the series represented to date by Immer (2011) and fremd und stumm (2013), this time too the themes of nineteenth and twentieth-century colonialism and imperialism are addressed through the medium of collage. For this artistic confrontation, which goes back to about 2010, colour photographs taken in Africa by Leni Riefenstahl form the base material for the collages. The artistic spectrum has since been expanded to include steel engravings from nineteenth-century books on ethnography, depicting the indigenous inhabitants of Africa, Australia or Polynesia.

This material, produced for educational or scholarly purposes, is used by Neumaier as an historically charged backcloth on which to place basic geometric shapes and line systems, which in turn inexorably recall the Constructivist and Abstract tendencies of Modernism. Since Neumaier’s sojourn in Papua-New Guinea for a few weeks in the autumn of 2011 – the north-east of the island, where he and his fellow-artist Hendrik Zimmer stayed, was a German colony until 1914 – his collages have sometimes evinced traces of reddish saliva. This blood-red coloration is caused by chewing the betel nut, which has been a highly popular drug among the indigenous population for centuries, being consumed as a narcotic on a massive scale. Not surprisingly, the ‘bloody’ saliva traces are ubiquitous on house-fronts and sidewalks in the territory.

These and other collages, along with oil paintings, are shown in the current exhibition Schöpfung. Tränen. using a sculptural arrangement that pervades the gallery setting like a labyrinth. There are standard plinths, some lying, some standing upright, which provide on the one hand something for the collages to lean against, and on the other, surfaces on which to present lamps or light-bulbs. Also displayed are antiquarian editions of books by Ernst Jünger, on which stand, sentinel-like, stuffed small birds. We can can only guess at why this author, so beloved of the French, an entomologist who was a member of the order Pour le Mérite and holder of the Grosses Bundesverdienstkreuz, came to Neumaier’s notice in the first place.

Maybe it is the clichés that surround Jünger: his fanatical support of the First World War, his dandyish lifestyle both as a Prussian officer and as an author, and his scientific devotion, which seems so odd to us, to the study of the world of beetles. It is precisely the intersection of militarism and science in the person of Jünger that corresponds with Neumaier’s pictorial worlds. For after all, it was first of all the botanists, geologists, anthropologists and ethnographers who researched the indigenous inhabitants and the flora and fauna of the unknown islands of Oceania and the regions of Africa, classifying and categorizing them to make them fit for household encyclopaedias. The military annexations, partly for commercial, partly for geopolitical ends, followed on afterwards. We should in this connexion not forget the birds, which, thanks to their unique ability to fly, and thus defy gravity, have traditionally been a symbol of the immaterial and spiritual aspect of humankind. But here, contrariwise, the function of the birds is to weigh the books down, apparently denying access to Jünger’s written contents.

The exhibition Schöpfung. Tränen. offers an insight into Neumaier’s pictorial cosmos, which is presented as a complex configuration system consisting of small-format collages, hints of assemblages which mutually condition each other and exist as a fragile totality that could fall apart at any minute.

Marcus Andrew Hurttig