Manfred Peckl

"Morgen geht die Sonne unter“

Eröffnung / Opening: Fr., 22.01.2016 ab 19 Uhr.

Lesung: 20:00 Uhr / Leistung: 21:00 Uhr / Läuterung: 22:00 Uhr

Dauer / Duration: 22.01. – 04.03.2016

PDF download Komplette Ausstellung mit Raumansichten, Werken & Text /
Complete exhibition with works and text.

Morgen geht die Sonne unter lautet bedrohlich der Titel der Einzelausstellung Manfred Peckls in der Hamburger Galerie Kai Erdmann. Als ob die hier gezeigten jüngsten Gemälde des Künstlers, die zwischen 2014 und 2015 entstanden, apokalyptischen Ursprungs sind und die Sonne zu ihrer Hervorbringung nicht nötig gehabt hätten. Weltuntergangsstimmung in der Galerie am Klosterwall 4? Hoffen wir, das dem so nicht ist und die keplerschen Gesetze zur Berechnung der Planetenbahnen zeitlose Gültigkeit besitzen, sodass der Feuerplanet auch übermorgen wieder für uns aufgehen wird.
Die Sonne ist zur Wahrnehmung und Wiedergabe von Formen in Gestalt von Bildern unerlässlich. Denn Bilder haben eigentlich nur die Möglichkeit, als Abbilder von etwas anderem zu existieren: gemeinhin gilt für uns, dass sie ihre Existenzberechtigung daraus beziehen, die sinnlich-erfahrbare Wirklichkeit wiederzugeben. Dies mag in großen Teilen für die Bilder der antiken Maler oder der Impressionisten zustimmen, die als Arbeitsgrundlage das Sonnenlicht benötigten. Diejenigen Künstler jedoch, insbesondere der christlichen Jahrhunderte, die mit der schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert wurden, das, was nicht sichtbar ist und jenseits unserer Erfahrungen liegt, überzeugend zu visualisieren, konnten sich zur Inspiration nicht ausschließlich auf das Sonnenlicht verlassen. Sie mussten ihre Bilder, den Orakelsprüchen blinder Priester und Propheten gleich, aus einer geistigen Innenschau schöpfen.

Neben der bloßen Wirklichkeitsimitation will die Kunst eben auch immer die Aufgabe zuerteilt bekommen, die transzendenten Bereiche abzudecken, die lange Zeit als Hoheitsgebiete der Religionen den Imperien der Götter vorenthalten war. Und natürlich ist das, was nicht erschaut werden kann, um ein vielfaches Schöner und Beeindruckender, als das, was uns in der Wirklichkeit alltäglich umgibt. Und deshalb haben die Illuminatoren in den Bibelprachthandschriften das himmlische Jerusalem in kostbaren Farben wiedergegeben. Man wollte durch das Kolorit beeindrucken und ein überaus erfolgreicher Einfall war in diesem Zusammenhang der Goldgrund, um das hinter dem Himmelsblau befindliche Gottesreich zu symbolisieren. Es wäre ja auch eine Schande, das Übersinnliche mit der beschränkten Farbpalette eines Realisten darzustellen.

Überzogen wäre es nun aber auch, Peckl, der Anfang der 1990er Jahre in Frankfurt am Main an der Städelschule Kunst studierte und heute in Berlin arbeitet, in die Tradition eines mittelalterlichen Illuminators zu stellen, obgleich seine ausgestellten Werke visionären Bildschöpfungen gleichkommen, die nur schwer mit unseren Sehgewohnheiten in Einklang zu bringen sind. Wenn Peckl Bilder von der Welt in seinem Atelier malt, dann muss er diese zunächst einmal für einen längeren Zeitraum zerschneiden. Mit der Schere oder dem Cutter werden die auf Plakaten gedruckten Werbewelten in drei Bestandteile aufgelöst: Zeichen, Figuren und Farben. Durch diese Isolierungsmaßnahmen, so könnte man glauben, wird das, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, offen gelegt. Die vom Werbebild und Textgehalt extrahierten Farben werden sorgfältig nach dem Spektrum neu geordnet und definieren somit im Vorfeld die Farbpalette des Künstlers. Die Pinselstärke hingegen wird durch die Einstellung des Schredders bestimmt, der die papiernen Farbflächen in gleichmäßige Streifen schneidet. Erst nachdem sie eingeweicht worden sind, um ihre nötige malerische Elastizität zu erhalten, kommt die Malerhand zum Einsatz und verklebt die Papierstreifen mit dem Bildträger zu einem geschlossenen Farbsystem. Der Betrachter nimmt dann Landschaften, größtenteils Seestücke, von überwältigender Farbkraft wahr und übersieht dabei wahrscheinlich, dass für die Werkgenese ein Recyclingprozess verantwortlich war. Einzig die sichtbare Rasterung des Drucks auf den Farbstreifen gemahnt uns an die Abstammung der Bilder von Werbeplakaten, die im Offsetverfahren hergestellt worden sind.

Die so gemalten Bilder, deren fragile Oberfläche durch einen Firnislack geschützt werden, besitzen eine tief gesetzte Horizontlinie, sodass der Blick über das leicht bewegte Meer in die Weite des Himmels geführt wird, wo Sonnenauf- oder Untergänge stattfinden können, wie auf den Werken: 1 2 3 Malerei (1 bis 3), I Believe That Frogs are Frogs, hallo wach oder Walk On Water On My Hands Again. Doch nichts erscheint so, wie wir es gewohnt sind, zu kennen. Zwar haben wir es mit einem zentralperspektivischen Bildraum zu tun, der nach den klassischen Gesetzen der Optik aufgebaut ist und uns somit vertraut erscheint, doch dieser wird eben nicht nach den Regeln des Illusionismus ausgemalt, sondern Farblinie wird an Farblinie gesetzt. Ein rhythmisch aufgebautes Liniensystem legt sich geschlossen über die gesamte Bildfläche, sodass die Vertrautheit in das, was Peckls Bilder repräsentieren sollen, nämlich Landschaften verloren geht. Denn die Übermacht der unwirtlichen Farbstrahlen machen jeglichen Realitätsabgleich zunichte. Die Bilder stimmen im Bereich der Farbgebung einfach nicht mit unseren See-Erfahrungen überein, das hieße aber auch, dass Peckls Bildwelten nicht existieren, es sei denn, wir nehmen sie als authentische Visionen ernst.

Damit dies gelingt und Peckl nicht als ein Scharlatan entlarvt wird, dürfen die Farbvisionen nicht ins total Abstrakte abrutschen. Der Betrachter benötigt, um überzeugt zu werden, dass Peckl nicht lügt, als er diese Welten vor seinem inneren Auge sah, einen minimalen Halt in der Realität. Die Seherfahrungen von Künstler und Betrachter müssen einen Rest von empirischer Übereinstimmung besitzen. Deshalb wird der Bildraum in Peckls Bildern perspektivisch konstruiert, um darin Wirklichkeitsebenen einzuziehen, deren Farben das wie auch immer geartete Übersinnliche realistisch wiedergeben. Und nur dann kann auch so eine Art Betrachtergefühl entstehen, dass in den Bildern die letzten Dinge von der Welt verhandelt werden. Doch genau an diesem Punkt schreitet Peckl mit künstlerischen Mitteln heftig ein, was besonders in den Werken Man muß mit allem rechnen, I hate Art oder Colours Conquer The Earth deutlich wird. Auf der vordersten Bildebene laufen nämlich die Farblinien, wie vom Rakel gezogen und ohne jegliche Anbindung zum Illusionsraum, flächenparallel herunter. Als ob das Medium der Malerei nach Farbautonomie verlangt, schränkt es, einem herunterfallenden Vorhang vergleichbar, den freien Blick auf die Landschaftsräume erheblich ein. Man könnte nun anfangen zu glauben, dass der Künstler-Verkünder Peckl seinen bildgewordenen Prophetien misstraut, weil sie im System Kunst mit all seinen Eigengesetzlichkeiten hervorgebracht worden sind. Aber das wäre ein Sakrileg gegenüber den Gemälden in der Ausstellung Morgen geht die Sonne unter.

Marcus Andrew Hurttig