Peyman Rahimi

"ira“

Eröffnung / Opening: Fr., 18.03.2016 ab 19 Uhr.
Dauer / Duration: 19.03. – 07.05.2016

PDF download Komplette Ausstellung mit Raumansichten, Werken & Text /
Complete exhibition with works and text.

Peyman Rahimi © Galerie Kai Erdmann, Hamburg, 2016

Peyman sagte mir dann, dass Menschen, wenn sie die Augen zumachen, anders aussehen. Dass man sie fast nicht erkennt, und sie sich selbst kaum erkennen können. Man ist für die anderen fremd, man wird auch sich selbst fremd.

Ich muss mich annähern. Der Ausgangpunkt dieser Ausstellung existiert längst nicht mehr: Eine Ablichtung der Bronzebüste eines schwarzen Mannes mit verschlossenen Augen in einem Buch, das irgendwann verschwunden war. Genauer, ein Buch aus den 1930er Jahren über Ethnien, aus einer Unzeit also, die kein Anfang seindarf, schon gar nicht der Kunst. Allein vorhanden ist die schwarz-weiße Kopie dieser Ablichtung. Etwas unwirklich Ruhendes strahlt aus, und man weiß nicht, ob der Mensch, die abgelichtete Skulptur oder die Ablichtung selbst diese Unwirklichkeit erzeugt.

Auch ist es diese Unheimlichkeit, die einem beim Betrachten von Rahimis Skulpturen begegnet – schwarz glänzende Betonbürsten auf ebenso schwarzen geometrischen Formen, die auf dünne Metallstreben gehoben sind. Dunkle Gesichter, gelöste Züge, verschlossener Blick. Umso mehr wirken die Figuren geisterhaft, fast mystisch. Dann erfährt man, dass sie Abgüsse von gutenFreunden des Künstlers sind, seine Nächsten. Ich erkenne sie nicht, nicht nur, weil ich sie nicht kenne. Durch den Abguss werden sie zu angeeigneten Personen, womöglich gar zu erschaffenen Personen, und ich frage mich, ob das Erschaffene die Person selbst wäre, oder ein neues Ich daraus wird, oder vielleicht doch ein Ich, dass im Entstehen verhaftet bleibt. Es sind Abstraktionen des Subjekt-Seins. Opake Menschen, und dochMenschen von dringlicher Präsenz. Es ist die Dringlichkeit des Menschwerdens.

Die schwarze Farbe. Eine Nicht-Farbe, die ebenso undurchdringlich wie wesenhaft ist. Eine solche Farbgebung ist eine bewusste Pointe, die Rahimi setzt, für den die Farbe zugleich Geschichte, Kultur und Gegenwart bedeutet. Ich erfahre, vieles in Rahimis Kindheit in Teheran sei schwarz gewesen. Doch sind diese Arbeiten des Repräsentativen entleert. Weder Haut, noch Stimmung, noch Stand können die rau-glänzenden Figuren vermitteln. Diese Portraits sind das Ergebnis einer abstrahierendenLesart, intuitiv dekontextualisiert, in voller Kenntnis derBedeutung. Die Suche nach Identitäten muss erfolglos bleiben. Es ist ja die Transformation, wo es unergründlich, unwirklich wird.

Schließlich, der Bruch. Die Figuren, die an klassische Mahnmale erinnern, sind in modernistischer Form geerdet. Brancusisunendliche Säule, die man hier wieder erkennt, als die Sehnsucht nach harmonischer Form, die behutsam in Ewigkeit ruht und die transzendentale Erfahrung verspricht. Nun wird sie durchbrochen. Gebrochen. Und die Metallstelzen wirken geradezu ernüchternd. Ich glaube, allerdings, ein unmögliches Gleichgewicht zu erkennen, das Inhalt und Form, Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Traum zusammenführt und dabei die Krise, die Grenzerfahrung, die Polarität herausstellt.

So treffen das Instabile und das Radikale aufeinander. „ira“ ist der Titel der Ausstellung und handelt von einer Person, einer Geschichte, einer Welt, die man nicht kennt. Noch nicht. Ein Versprechen ereignet sich dort, wo Hoffnungslosigkeit herrscht. Die Schwelle wird überschritten.

Viktoria Draganova lebt als freie Kuratorin und Autorin zwischen Frankfurt und Sofia. Seit 2014 leitet sie den unabhängigen Kunstraum Swimming Pool Projects in Sofia.